Mittwoch, 19. Februar 2014

Burgfestspiele Jagsthausen 1999

Zum Auftakt - das Traditionsstück "Götz von Berlichingen"

Als wär's ein Stück aus unseren Tagen

Von Jürgen Dieter Ueckert

Wenn der Götz im Burghof von Jagsthausen brüllt „Er aber sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken ...“, dann rauscht nach einem „Oh“ aus tausend Zuschauerkehlen stürmischer Beifall durch die Zuschauerreihen. Das gehört zur Tradition ­ jetzt schon im fünfzigsten Jahr. Ebenso wie die alljährlich frisch einstudierte Inszenierung des Sturm-und-Drang-Dramas aus der Feder des Jung-Genies Johann Wolfgang von Goethe, aufgeführt im Burghof der Familie von Berlichingen.

Landesvater Erwin Teufel war extra aus Stuttgart ins liebliche Jagsttal angereist, um das 50-Jahre-Jubiläum der Burgfestspiele feierlich zu eröffnen. Der Schirmherr der Spiele, Bundespräsident Roman Herzog, seit Jahren ein persönlicher Freund des Hauses Berlichingen, ließ sich wegen des zeitgleichen „Großen Zapfenstreichs“ entschuldigen. Er wird mit Frau Christiane erst zur zweiten Premiere, der Johann-Strauß-Operette „Die Fledermaus“, im Burghof sein. Aber seine Reverenz hat der scheidende Präsident den Burgfestspielen schon in einem Aufsatz für das Jubiläums-Buch erwiesen: „ Goethes Götz von Berlichingen zwischen Ritterrecht und Staatsräson“. Jeder auf seine Art.

„Kunst ist nicht das Brot, sondern der Wein des Lebens“, philosophierte dagegen recht schlicht der Ministerpräsident und verkündete des geladenen Premierengästen, daß er sich auf die Götz-Inszenierung freue, die er ja „schon vom letzten Jahr her“ kenne. Raunen im Publikum, denn man war ja ausdrücklich zu einer Neuinszenierung des Götz durch den Münchner Jungregisseur Torsten Bischof geladen. Und als Teufel auch noch lobende Worte über die „Stadt Jagsthausen“ verlor, war das Räuspern lautstark. Das „Dorf und Schloß an der Jaxt“, wie im Goethe-Götz heißt, ist stolz auf seine touristenträchtige dörfliche Idylle. „Stadt“ - das wäre ja gegen jegliche Tradition.

Die Prinzipalin der Burgfestspiele, Alexandra Freifrau von Berlichingen, hatte die Teufel-Worte schon zurechtgerückt, als sie ankündigte, „gelegentlich mit Traditionen zu brechen, um mit dem Götz auch künftig alljährlich erfolgreich beim Zuschauer zu sein.“ Ihr Hofregisseur Torsten Bischof wollte deshalb auch die „Urwucht der Goethe-Sprache“ in seiner Neuinszenierung rüberbringen, „nicht die handelsüblichen Vereinfachungen oder das Auskochen der dramaturgischen Knochen des Sturm-und-Drang-Stückes“. Diesmal hieß Tradition, weg vom Klassikerdrama, hin zu den Ursprüngen des Sturm und Drang.

Das Stück eines „deutschen Helden“ in seinem persönlichen Scheitern an der Zeit ist also in diesem Jahr nicht in Jagsthausen zu sehen. Die Regie jagt stürmisch und drängend einen Bilderbogen durch die altehrwürdigen Mauern, daß den Premierengästen ganz schwindelig wurde. Das berühmt-berüchtigte Götz-Zitat erhielt auch deshalb nicht den üblichen Szenenapplaus, weil es ganz normal in den Ablauf eingebettet war ­und nicht lautstark aus irgendeinem Erkerfenster gebrüllt wurde. Götz-Darsteller ‘99 Jochen Striebeck zeigte als Zugabe noch mit der eisernen Hand den Stinkefinger.

Das in nur sechs Wochen 1771 vom jungen Goethe in vermeintlicher „Schäckspear“-Nachahmung hingeworfene Stück kommt mit seinen knappen Szenen den Sehgewohnheiten eine Fernsehpublikums entgegen. Vor allem, wenn ein Regisseur die Chance ergreift und seinen Goethe beim Wort nimmt. Torsten Bischof tat es, inszenierte geistreich, dynamisch und witzig bis hin zum Overgag. Und auf einmal wird dieses schwer spielbare Stück leicht verständlich und als Geschichte erfaßbar. Keine intellektuellen Überfrachtungen und Interpretationen, sondern die Story ernst nehmen und umsetzen ­ und schon wehte ein Hauch von Commedia durch den Burghof, der Goethes Sprache plastisch machte.

Der kaisertreue teutsche Ritter mit der eisernen Hand, der nur von „Gott, seinem Kaiser und sich selbst“ abhängig sein will, wird beim Übergang vom mittelalterlichen Stände- zum modernen Rechts- und Verwaltungsstaat zum Rebellen. Jochen Striebeck, der als Burgfestspiele-Intendant auch gleich noch die Titelrolle spielt, interpretiert seinen Götz als einen Menschen, der gewillt ist, „alles zu sein und alles zu wollen“. Wie so mancher Mafiosi. Da greift einer nach den Sternen, verliert alles, und stirbt im Gefängnis mit den Worten „Freiheit, Freiheit“ auf den Lippen. Zwischendurch ist er liebevoll und treusorgend gegen die Seinen, rauhbeinig und brutal gegenüber seinen Feinden, mehr auf seinen Vorteil bedacht als um Ideale kämpfend.

Wer Sommertheater für alle Sinne sehen will, sollte sich diese ursprüngliche Interpretation des Goetheschen Jugendwerks nicht entgehen lassen. Es wird alles in Hülle und Fülle geboten: das ländliche Ritterleben, der intrigante Bamberger Hof, feige Reichsstädter und grausiger Bauernkrieg. Liebevoll und prägnant werden die Personen gezeichnet, ohne sie zu Helden zu stilisieren und als Lumpen zu degradieren. Den Mächtigen wird mit Humor die Larve vom Gesicht gerissen. Dabei ist am Goethe-Text sprachlich so hart geschliffen worden, daß die Sprache verständlich und leicht wie selten zuvor im Burghof zu vernehmen ist. Als wär’s ein Stück aus unseren Tagen.

INFO: Auf dem Spielplan der Burgfestspiele stehen bis zum 22. August 1999: 
Johann Wolfgang von Goethe „Götz von Berlichingen“, 
Johann Strauß „Die Fledermaus“, 
Carlo Goldoni „Der Diener zweier Herren“ und 
das Kinderstück „Pippi Langstrumpf“.
Kartentelefon 07943/912345Fax 07943/912440 oder 912450.
E-Mail: burgfestspiele.jagsthausen@t-online.de
Internet: http://www.jagsthausen.de/

Pforzheimer Zeitung, Juni 1999
echo am Sonntag, Juni 1999

Burgfestspiele Jagsthausen 1997

Das Arschlecken hat
im Burghof Tradition

Von Jürgen Dieter Ueckert

„Leck mich ...“. Heißt es heute platt, was in deutschen Landen einst als „schwäbischer Gruß“ gehandelt wurde. In voller Literaturversion („Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken.“) wird der derbe Spruch alljährlich sommers bei den Burgfestspielen zu Jagsthausen geschmettert. Seit 48 Jahren in der Götzenburg unter langanhaltendem Beifall der rund tausend Zuschauer. Das hat Tradition.

Seit dem Tode ihres Mannes Götz im Jahre 1994 ist Alexandra Freifrau von Berlichingen „Erste Vorsitzende der Burgfestspiele Jagsthausen“. Schirmherr dieser dörflichen Adelsspiele ist kein geringerer als der Bundespräsident Roman Herzog selbst. Ein Freund der Familie schon aus seinen Zeiten als baden-württembergischer Kultus- und Innenminister. Und der Erste Vorsitzende der „Freunde der Burgfestspiele“ heißt Reinhold Würth, Vorzeigeunternehmer und Schraubenmilliardär aus dem hohenlohischen Künzelsau.

Trotz prominenter Beschirmung und Fürsprache, trotz einer zartgliedrigen, aber resoluten adligen Witwe, deren Tochter Diana mit einem Prinzen zu Fürstenberg verheiratet und Sohn Götz angehender Jurist ist, weht derzeit ein rauher Wind durch die Burgmauern. Erstmals in den knapp 50 Jahren erwartet die Festspielleitung am Ende der Spielzeit 1997 ein Minus in der Kasse.

Grund für „das schwierigste Jahr“ seit Bestehen der Götz-Festspiele: Baden-Württemberg spart bei der Kultur. Seit 1995 hat Jagsthausen 230.000 Mark weniger als erwartet aus Stuttgart erhalten. Im April erst verkündete die Kulturbürokratie, daß es für die laufende Spielzeit 1997 nochmals 6,56 Prozent weniger (25.400 Mark) aus dem Subventionstopf gibt.

Empörte Reaktion der Baronin Berlichingen bei der Eröffnung der Saison am Donnerstag: „Wir fühlen uns vom Land im Stich gelassen. Man läßt uns sprichwörtlich im Festspiel-Regen stehen.“ Und Regen ist für Freilufttheater die schlimmste Strafe des Himmels. Konkrete und unangenehme Folge für die Zuschauer: die Eintrittspreise werden 1998 erhöht.

Rund 80 Prozent des Haushalts (1997: 2,84 Millionen) erwirtschaften die Burgfestspiele Jagsthausen selbst. Die Subventionskürzungen des Landes konnten bisher durch verstärktes ehrenamtliches Engagement und strikte Sparpolitik aufgefangen werden. In diesem Jahr sei aber das Ende der Fahnenstange auf der Götz-Burg erreicht. Schließlich stehe hinter den Burgfestspielen keine reiche Stadt, sondern nur das Dorf Jagsthausen mit seinen 1.500 Einwohnern – Haushaltsvolumen sechs Millionen. Da gebe es schon gar nichts zu holen.

Im strukturschwachen Jagsttal hätten sich die Burgfestspiele in den Jahrzehnten nämlich zu einem Wirtschaftsfaktor - vergleichbar einem mittelständischen Unternehmen - entwickelt. Von den drei Millionen Mark Gesamtausgaben seien 1996 zwei Drittel im Tal geblieben. Rechnet Freifrau von Berlichingen mit spitzem Stift vor: im Einzelhandel, bei der Gastronomie und den Handwerkern.

„Wir haben unsere Schulaufgaben gemacht!“, schleudert die adlige Dame den Chaos-Politikern entgegen. Seit Beginn der Festspiele vor 48 Jahren wurden in 1.744 Vorstellungen insgesamt 1,645 Millionen Besucher gezählt. 33,5 Millionen Mark wurde eingenommen – 70 Prozent davon allein durch Eintrittsgelder, nur 15 Prozent kamen aus staatlichen Zuschüssen. Insgesamt flossen 71 Millionen Mark dank der Götz-Festspiele durch Jagsthausen.

Jetzt aber ist die Schmerzgrenze erreicht. Zumal die Zuschauer zur Verunsicherung erheblich beitragen. Die erfolgsverwöhnten Burgfestspiele haben nicht wie üblich zu Beginn der Saison bereits 90 Prozent ihrer Karten im Vorverkauf, sondern erstmals nur 67 Prozent abgesetzt. Alexandra von Berlichingen weiß sich so recht keinen Reim drauf zu machen. Die Leute zögern stark, hätten wahrscheinlich dank höherer Abgaben und Steuern weniger im Geldbeutel, versucht sie nachdenklich zu erklären.

Stolz war man im Ort auf den Spruch „Hier spielt ein ganzes Dorf Theater“. Viele Bürger treten als Komparsen im Götz neben den Berufschauspielern auf. Jetzt hoffen viele, daß das Land wenigstens nicht weiter den Rotstift ansetzt. Vielleicht springen ja „Die Freunde der Burgfestspiele“ unter Reinhold Würth kräftig in die Bresche – mit Sponsoren-Geldern aus Industrie und Handel. Haben sie doch seit ihrer Gründung im Jahre 1987 den Götz-Festpielen mit insgesamt 580.000 Mark kräftig unter die Armen gegriffen.

Ein Retter in der Not könnte der Freund und Bundespräsident sein. Wenn Roman Herzog am 18. Juli samt Gattin Christiane zur Benefizveranstaltung nach Jagsthausen anreist, dann sollte die Prominenz aus echtem und Geld-Adel, Industrie und Handel zwischen Stuttgart und Würzburg mit von der Partie sein. Für 150 Mark pro Karte gibt’s einen prächtigen Empfang im weitläufigen Garten der Burg, samt Essen und Trinken und anschließender Götz-Vorstellung im Burghof. Bei tausend Gästen – mehr als eine milde Gabe für die Burgfestspiele.

Spielplan 1997
Gespielt werden in Jagsthausen im Burghof 1997 Goethes „Götz von Berlichingen“ (bis 17. August 1997), das Musical „Kiss me Kate“ (5. Juli bis 16. August 1997) und das Märchen „Rumpelstilzchen“ (18. Juni bis 10. August 1997). Kartenvorbestellungen unter Telefon 07943-912345 oder per Fax 07943-912440/50.

Rhein-Neckar-Zeitung
Pforzheimer Zeitung
Neckar Express

Burgfestspiele Jagsthausen 1991



Zwist und Zank beim Ritterdrama

Nasse Proben und Interpretation der Götzfigur drücken Stimmung im Jagsthäuser Burghof

Von Jürgen Dieter Ueckert

Goethes Götz-Drama in Jagsthausen dauert zwei Stunden und 28 Minuten. Bühne ist der Asphalt­boden des Burghofs und das vik­torianische Gemäuer drum­herum. Die dürre Mitteilung des künstlerischen Festspielleiters Rüdiger Bahr vor der Premiere überdeckte nichts vom Knatsch in einer teilweise verregneten Probenzeit. „Einige wurden sehr nass“, so Festspielchef Götz Frei­herr von Berlichingen hinter­gründig lächelnd. „Aber die Ko­stüme werden jetzt nicht mehr am kommenden Tag nass angezo­gen. Wir haben jetzt einen Trockenraum in der Burg.“

Die zornigen Flammen des Theaterskandals waren dank des vermittelnden Barons erstickt. Hans Peter Hallwachs, als Fa­bian- und Tatort-Mime film- und fernsehbekannt, gibt im 42. Spiel­jahr den Ritter mit der eisernen Faust. Seine Vorstellungen von Goethes Sturm-und-Drang-Spektakel kollidierten in der Proben­zeit mit jenen des Regisseurs Rü­diger Bahr, einst selbst unter der Ur-Jagsthäuserin und Jubiläum­sintendantin Ellen Schwiers als Raufbold Götz verpflichtet.

Der Götz ’91 soll, „ohne werk­untreu zu werden“, so Regisseur Bahr, „verletzlicher, aber auch verletzender sein“. Die Laienspie­ler aus Dorf und Umgebung, teil­weise seit über vierzig Jahren da­bei, protestierten schon im Vor­feld. Ihre Götz-Interpretation sollte schlüssiger und dramaturgisch klarer sein.

Aber Ex-Götz Bahr bestand auf seiner Interpre­tation. „Der Ritter fühlt sich nicht mehr wohl in dieser, seiner untergehenden Welt.“ – Goethes Götz also als Apokalyptischer Reiter? Rüdiger Bahr und Ehe­gattin Renate wollten partout aus den drei Goethe-Vorlagen einen Götz schneidern, „so wie wir ihn verstehen“.

Die Jagsthäuser Auftaktpre­miere bot einen hysterischen Rumpelstilzchen-Ritter, dessen Darbietungen von Regenschau­ern befeuchtet, kostümprächtig, dramaturgisch schlicht und laut, vornehmlich aber zornig brüllend vom Publikum erstaunt wahrge­nommen wurden. Zurückhaltend freundlicher Beifall beim vielzi­tierten Spruch, und magerer, von Pfiffen durchsetzter Applaus nach dem Theater-Tod des Hall- wachs-Ritters.

Später bei der Premierenfeier im Rittersaal der Götzenburg: der Reigen der Gäste, prominent an­geführt von Deutschlands ober­stem Richter Roman Herzog und dem Künzelsauer Schraubenmil­liardär Reinhold Würth. Premie­rengeflüster und -getuschel, nicht nur hinter vorgehaltener Hand: Götz ’91 - Bauerntheater, Schrei­orgien, wirre Handlung, man
habe schon bessere Götze im Burghof gesehen. Kein Applaus der Ehrengäste beim Auftritt von Regisseur und Schauspielern - untrügliches Zeichen für ein Stimmungstief.

Für die Spielzeit ’91 ist Jagsthausen trotz alldem gut gerüstet. Von den 60.000 möglichen Kar­ten sind schon 50.000 im Vorver­kauf abgesetzt worden. Das zweite Stück im Burghof, das Er­folgsmusical „My Fair Lady“, seit 35 Jahren ein Renner auf allen Bühnen, ist schon wahrhaft „überausverkauft“. Baron Berli­chingen: „Wir haben für die Lady 110 Prozent Platzausnutzung. Und das trotz fünf Mark Zu­schlag pro Eintrittskarte.“

In den fünfziger Jahren warb Jagsthausen mit dem Slogan „Ein ganzes Dorf spielt im Sommer Theater“. Heute kommen die Lai­enspieler aus der ganzen Region Franken: 60 beim Götz, rund 80 - „wegen des Gesangs“ - bei der Lady. „Ohne Laienspieler“, so Burgherr Götz von Berlichingen, „wären die Festspiele so preiswert nicht zu machen.“ Jagsthausen finanziert sich durch seinen Kar­tenverkauf zu 75 Prozent. Beim Staats­theater Stuttgart durch Kar­tenverkauf: elf Prozent.

Wegen der immensen Kosten für das Musical „My Fair Lady“ steht der Jagsthäuser Spielplan 1992 schon jetzt: Wiederholung der Lady („Damit sich die Investi­tionen lohnen“), das Traditions­stück Götz und eine Komödie, „die in den Burghof hineinpaßt“.

SONNTAG AKTUELL, Seite 6, Nr. 25., 23. Juni 1991

Burgfestspiele Jagsthausen 1984

Götz-Festpiele im 35. Spieljahr


Ein cholerischer Ritter
mit der eisernen Hand

Von Jürgen Dieter Ueckert

Der „Götz von Berlichingen - mit der eisernen Hand“ im fünf­unddreißigsten Spieljahr: das Goethesche Sturm- und Drang-Schauspiel im Burghof von Jagsthausen ist wieder frei von jeglicher Ausdeutung und zeitkritischer Interpretation.

Ellen Schwiers, selbst einst eine gefeierte Adelheid in den Jagsthäuser Sommertheater-Mauern, lässt als Regisseurin „vom Blatt" spielen. Das heißt: natürlich nicht den Goethe-Text in gesamter Länge, son­dern eine Strichfassung, die das Drama auf knapp zweiein­halb Stunden kürzt. Und das heißt wiederum: es wird eine Bearbeitung gespielt, die in ähnlicher Ausformung in den sechziger Jahren durchweg Er­folg hatte, sogenanntes Volks­theater war.

Die Schwiers'sche Zugnum­mer bei diesem Unterfangen ist der Götz-Darsteller Wolf­gang Reichmann. Mit ihm hat die Burg den Gewalttätigen, den Choleriker, das brüllende Ungetüm wieder. Man hört wieder in fast allen Gassen des Jagstdörf‘leins das schauerlich-­prickelnde Gebrüll des derben Ritters.

Widersprüche werden locker stehen gelassen: da jammert Götz auf- und abschreitend in seinem ersten Auftritt, dass er doch hundemüde sei, parliert aber wenig später munter und prachtvoll mit einem hyste­risch sein Los beklagenden Klosterbruder (Robert Remmler) und hält gleichzeitig ner­vös Ausschau nach seinem Bu­ben Georg. Götz, das vor Kraft nahezu berstende Original- Genie.

Wolfgang Reichmann ist ein grandioser Schauspieler - zweifelsohne. Er kann viele Zustände plastisch machen, das Innerste nach außen keh­ren. Mittel dazu stehen ihm in Hülle und Fülle zur Verfü­gung. Die Frage ist nur: wer hat sie geordnet? Reichmann vermag dazu auch noch blasse Mimen lässig an die Wand spielen.

Wenn Götz den Weislingen - steifbeinig von Robert Bossardt in einer Manier geboten, als solle er für Zahncreme Re­klame machen - als Gefange­nen , in seine Burg führen lässt, dann gibt er diesem Höfling mittels eines ordentlichen Temperamentsausbruchs eine kräftige Belehrung über den Zustand des Reichs. Es fehlten nur noch die Watschen - zur Beförderung des Denkvermö­gens bei Weisungen.

Aber als es mit der intellektuellen Re­dekunst beim Götz zu Ende geht, lässt Reichmann, um keine taktische Finesse verle­gen, den Götz zum schluchzen­den Jammerlappen werden, den Kopf gegen die Schulter des ehemaligen Schulkamera­den gelegt. Wenig später ist ihm die Person des Weislingen völlig wurscht, Hauptsache, der Kerl paktiert nicht mit dem Bamberger Bischof.

Ein Götz, den die Fürsten hassen und zu dem sich die Be­drängten wenden - das ist die­ser Wolfgang Reichmann bei­leibe nicht. Sein Götz ist den Fürsten nur lästig wie eine Laus im Pelz. Und die Unter­drückten begegnen ihm in der Schwiers-Inszenierung mit reichlich Vorbehalten, können sich ihm nur mühsam nähern. Adel zu Adel - Volk zu Volk.

Auf Gegensätze ist diese In­szenierung getrimmt: der Hof von Bamberg soll dekadent sein, wie sich Lieschen Müller halt die Dekadenz so gro­schenheftig vorsteht. Liebet­raut (Günter Hörner) gerät da zum beredten Beispiel: mit fe­mininen Gebärden, verkünstelter Sprechakrobatik und wedelnden Tüchern haucht er angebliches Raffinement in die Burghof-Mauern. Müßiggang ist aller Laster Anfang: Dazu muss man auch Schach spielen können und als Bischof mit hochhackigen Schuhen über den Burghof tippeln. Ganz so kraftlos war’s dann an den Höfen wohl doch nicht gewesen - sonst hätte ja diese politische Richtung kaum siegen können.

Die Männer um den Ritter Götz erscheinen heuer und auch sonst im Burghof als brave, sauber gekleidete Wichtelmänner, in Wams und Robin-Hood-Stiefeln. Dagegen sind die aufständischen Bauern gar schröcklich anzusehen: Schmutzig, mit schmerzver­zerrten Gesichtern brüllen sie Keulen schwingend vor sich hin. So sind sie halt, die Tölpel vom flachen Lande, wenn sie mal Politik machen.

Und der Kaiser? Der scheint so vertrottelt eigensinnig, dass man ständig in der Angst schwebt, er wolle gleich vor lauter Unlust abtreten - von der schmalen Burghof-Bühne.

Goethe und seine Krisen, die sich literarisch manifestierten, zum Beispiel in jenem Sturm- und-Drang-Drama. Das ist in Jagsthausen wieder zu einer netten Geschichte geronnen, unverbindlich locker choreografiert, mit einer anheimeln­den Muffigkeit, die schon fast erdrückend gemütvoll wirkt.

Die Schauspieler bleiben mit ihren Figuren in Bilderbuch-Klischees hängen. Mit den Ko­stümen rauscht man historisierend quer durch die Jahr­zehnte. Das ist dann so, als stelle man in 200 Jahren ein Drama über unsere Jetzt-Zeit her und lasse dann die Schau­spielerin allen Kleidungsstilen dieses und des nächsten Jahr­hunderts auftreten. Da lobe ich mir das Shakespeare-Theater: Man spielte halt in prachtvol­len Kleidern jener Tage, in de­nen die Aufführung gerade ange­setzt war.

So hat die zuckersüße Burg von Jagsthausen in ihrem Traditionsstück wieder all das, was Touristen so lang vermi­ssten: einen wütig in sich zer­rissenen Götz, der an den Zu­ständen der bösen Zeitläuften eingeht, ein Ku-Klux-Klan-Fe- megericht und natürlich auch den obligatorischen Sonder­beifall beim berühmt-berüchtigten Spruch. Mehr an Zu­stimmung könnte sich auch eine Sängerin in der Oper, die das hohe C erreicht hat, kaum erträumen.

Da kann man sich nur wun­dem und freuen mit dem Jagsthäuser Fremdenverkehrsve­rein, den begeisterten Laien­spielern und den Burg-Schauspielern:  Jagsthausen hat sei­nen Standard wieder.

Rhein-Neckar-Zeitung, 14. Juni 1984
Neckar-Express, 16. Juni 1984
Süddeutscher Rundfunk, 15. Juni 1984