Mittwoch, 19. Februar 2014

Burgfestspiele Jagsthausen 1991



Zwist und Zank beim Ritterdrama

Nasse Proben und Interpretation der Götzfigur drücken Stimmung im Jagsthäuser Burghof

Von Jürgen Dieter Ueckert

Goethes Götz-Drama in Jagsthausen dauert zwei Stunden und 28 Minuten. Bühne ist der Asphalt­boden des Burghofs und das vik­torianische Gemäuer drum­herum. Die dürre Mitteilung des künstlerischen Festspielleiters Rüdiger Bahr vor der Premiere überdeckte nichts vom Knatsch in einer teilweise verregneten Probenzeit. „Einige wurden sehr nass“, so Festspielchef Götz Frei­herr von Berlichingen hinter­gründig lächelnd. „Aber die Ko­stüme werden jetzt nicht mehr am kommenden Tag nass angezo­gen. Wir haben jetzt einen Trockenraum in der Burg.“

Die zornigen Flammen des Theaterskandals waren dank des vermittelnden Barons erstickt. Hans Peter Hallwachs, als Fa­bian- und Tatort-Mime film- und fernsehbekannt, gibt im 42. Spiel­jahr den Ritter mit der eisernen Faust. Seine Vorstellungen von Goethes Sturm-und-Drang-Spektakel kollidierten in der Proben­zeit mit jenen des Regisseurs Rü­diger Bahr, einst selbst unter der Ur-Jagsthäuserin und Jubiläum­sintendantin Ellen Schwiers als Raufbold Götz verpflichtet.

Der Götz ’91 soll, „ohne werk­untreu zu werden“, so Regisseur Bahr, „verletzlicher, aber auch verletzender sein“. Die Laienspie­ler aus Dorf und Umgebung, teil­weise seit über vierzig Jahren da­bei, protestierten schon im Vor­feld. Ihre Götz-Interpretation sollte schlüssiger und dramaturgisch klarer sein.

Aber Ex-Götz Bahr bestand auf seiner Interpre­tation. „Der Ritter fühlt sich nicht mehr wohl in dieser, seiner untergehenden Welt.“ – Goethes Götz also als Apokalyptischer Reiter? Rüdiger Bahr und Ehe­gattin Renate wollten partout aus den drei Goethe-Vorlagen einen Götz schneidern, „so wie wir ihn verstehen“.

Die Jagsthäuser Auftaktpre­miere bot einen hysterischen Rumpelstilzchen-Ritter, dessen Darbietungen von Regenschau­ern befeuchtet, kostümprächtig, dramaturgisch schlicht und laut, vornehmlich aber zornig brüllend vom Publikum erstaunt wahrge­nommen wurden. Zurückhaltend freundlicher Beifall beim vielzi­tierten Spruch, und magerer, von Pfiffen durchsetzter Applaus nach dem Theater-Tod des Hall- wachs-Ritters.

Später bei der Premierenfeier im Rittersaal der Götzenburg: der Reigen der Gäste, prominent an­geführt von Deutschlands ober­stem Richter Roman Herzog und dem Künzelsauer Schraubenmil­liardär Reinhold Würth. Premie­rengeflüster und -getuschel, nicht nur hinter vorgehaltener Hand: Götz ’91 - Bauerntheater, Schrei­orgien, wirre Handlung, man
habe schon bessere Götze im Burghof gesehen. Kein Applaus der Ehrengäste beim Auftritt von Regisseur und Schauspielern - untrügliches Zeichen für ein Stimmungstief.

Für die Spielzeit ’91 ist Jagsthausen trotz alldem gut gerüstet. Von den 60.000 möglichen Kar­ten sind schon 50.000 im Vorver­kauf abgesetzt worden. Das zweite Stück im Burghof, das Er­folgsmusical „My Fair Lady“, seit 35 Jahren ein Renner auf allen Bühnen, ist schon wahrhaft „überausverkauft“. Baron Berli­chingen: „Wir haben für die Lady 110 Prozent Platzausnutzung. Und das trotz fünf Mark Zu­schlag pro Eintrittskarte.“

In den fünfziger Jahren warb Jagsthausen mit dem Slogan „Ein ganzes Dorf spielt im Sommer Theater“. Heute kommen die Lai­enspieler aus der ganzen Region Franken: 60 beim Götz, rund 80 - „wegen des Gesangs“ - bei der Lady. „Ohne Laienspieler“, so Burgherr Götz von Berlichingen, „wären die Festspiele so preiswert nicht zu machen.“ Jagsthausen finanziert sich durch seinen Kar­tenverkauf zu 75 Prozent. Beim Staats­theater Stuttgart durch Kar­tenverkauf: elf Prozent.

Wegen der immensen Kosten für das Musical „My Fair Lady“ steht der Jagsthäuser Spielplan 1992 schon jetzt: Wiederholung der Lady („Damit sich die Investi­tionen lohnen“), das Traditions­stück Götz und eine Komödie, „die in den Burghof hineinpaßt“.

SONNTAG AKTUELL, Seite 6, Nr. 25., 23. Juni 1991

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