Ein
cholerischer Ritter
mit
der eisernen Hand
Von Jürgen Dieter
Ueckert
Der
„Götz von Berlichingen - mit der eisernen Hand“ im fünfunddreißigsten
Spieljahr: das Goethesche Sturm- und Drang-Schauspiel im Burghof von
Jagsthausen ist wieder frei von jeglicher Ausdeutung und zeitkritischer
Interpretation.
Ellen
Schwiers, selbst einst eine gefeierte Adelheid in den Jagsthäuser
Sommertheater-Mauern, lässt als Regisseurin „vom Blatt" spielen. Das heißt:
natürlich nicht den Goethe-Text in gesamter Länge, sondern eine Strichfassung,
die das Drama auf knapp zweieinhalb Stunden kürzt. Und das heißt wiederum: es wird
eine Bearbeitung gespielt, die in ähnlicher Ausformung in den sechziger Jahren
durchweg Erfolg hatte, sogenanntes Volkstheater war.
Die
Schwiers'sche Zugnummer bei diesem Unterfangen ist der Götz-Darsteller Wolfgang
Reichmann. Mit ihm hat die Burg den Gewalttätigen, den Choleriker, das
brüllende Ungetüm wieder. Man hört wieder in fast allen Gassen des Jagstdörf‘leins
das schauerlich-prickelnde Gebrüll des derben Ritters.
Widersprüche
werden locker stehen gelassen: da jammert Götz auf- und abschreitend in seinem
ersten Auftritt, dass er doch hundemüde sei, parliert aber wenig später munter
und prachtvoll mit einem hysterisch sein Los beklagenden Klosterbruder (Robert
Remmler) und hält gleichzeitig nervös Ausschau nach seinem Buben Georg. Götz,
das vor Kraft nahezu berstende Original- Genie.
Wolfgang
Reichmann ist ein grandioser Schauspieler - zweifelsohne. Er kann viele
Zustände plastisch machen, das Innerste nach außen kehren. Mittel dazu stehen
ihm in Hülle und Fülle zur Verfügung. Die Frage ist nur: wer hat sie geordnet?
Reichmann vermag dazu auch noch blasse Mimen lässig an die Wand spielen.
Wenn
Götz den Weislingen - steifbeinig von Robert Bossardt in einer Manier geboten,
als solle er für Zahncreme Reklame machen - als Gefangenen , in seine Burg
führen lässt, dann gibt er diesem Höfling mittels eines ordentlichen
Temperamentsausbruchs eine kräftige Belehrung über den Zustand des Reichs. Es
fehlten nur noch die Watschen - zur Beförderung des Denkvermögens bei
Weisungen.
Aber
als es mit der intellektuellen Redekunst beim Götz zu Ende geht, lässt
Reichmann, um keine taktische Finesse verlegen, den Götz zum schluchzenden
Jammerlappen werden, den Kopf gegen die Schulter des ehemaligen Schulkameraden
gelegt. Wenig später ist ihm die Person des Weislingen völlig wurscht,
Hauptsache, der Kerl paktiert nicht mit dem Bamberger Bischof.
Ein
Götz, den die Fürsten hassen und zu dem sich die Bedrängten wenden - das ist
dieser Wolfgang Reichmann beileibe nicht. Sein Götz ist den Fürsten nur
lästig wie eine Laus im Pelz. Und die Unterdrückten begegnen ihm in der
Schwiers-Inszenierung mit reichlich Vorbehalten, können sich ihm nur mühsam
nähern. Adel zu Adel - Volk zu Volk.
Auf
Gegensätze ist diese Inszenierung getrimmt: der Hof von Bamberg soll dekadent
sein, wie sich Lieschen Müller halt die Dekadenz so groschenheftig vorsteht.
Liebetraut (Günter Hörner) gerät da zum beredten Beispiel: mit femininen
Gebärden, verkünstelter Sprechakrobatik und wedelnden Tüchern haucht er angebliches
Raffinement in die Burghof-Mauern. Müßiggang ist aller Laster Anfang: Dazu muss
man auch Schach spielen können und als Bischof mit hochhackigen Schuhen über den
Burghof tippeln. Ganz so kraftlos war’s dann an den Höfen wohl doch nicht
gewesen - sonst hätte ja diese politische Richtung kaum siegen können.
Die
Männer um den Ritter Götz erscheinen heuer und auch sonst im Burghof als brave,
sauber gekleidete Wichtelmänner, in Wams und Robin-Hood-Stiefeln. Dagegen sind
die aufständischen Bauern gar schröcklich anzusehen: Schmutzig, mit schmerzverzerrten
Gesichtern brüllen sie Keulen schwingend vor sich hin. So sind sie halt, die
Tölpel vom flachen Lande, wenn sie mal Politik machen.
Und
der Kaiser? Der scheint so vertrottelt eigensinnig, dass man ständig in der
Angst schwebt, er wolle gleich vor lauter Unlust abtreten - von der schmalen
Burghof-Bühne.
Goethe
und seine Krisen, die sich literarisch manifestierten, zum Beispiel in jenem
Sturm- und-Drang-Drama. Das ist in Jagsthausen wieder zu einer netten
Geschichte geronnen, unverbindlich locker choreografiert, mit einer anheimelnden
Muffigkeit, die schon fast erdrückend gemütvoll wirkt.
Die
Schauspieler bleiben mit ihren Figuren in Bilderbuch-Klischees hängen. Mit den
Kostümen rauscht man historisierend quer durch die Jahrzehnte. Das ist dann
so, als stelle man in 200 Jahren ein Drama über unsere Jetzt-Zeit her und lasse
dann die Schauspielerin allen Kleidungsstilen dieses und des nächsten Jahrhunderts
auftreten. Da lobe ich mir das Shakespeare-Theater: Man spielte halt in
prachtvollen Kleidern jener Tage, in denen die Aufführung gerade angesetzt
war.
So
hat die zuckersüße Burg von Jagsthausen in ihrem Traditionsstück wieder all
das, was Touristen so lang vermissten: einen wütig in sich zerrissenen Götz,
der an den Zuständen der bösen Zeitläuften eingeht, ein Ku-Klux-Klan-Fe-
megericht und natürlich auch den obligatorischen Sonderbeifall beim berühmt-berüchtigten
Spruch. Mehr an Zustimmung könnte sich auch eine Sängerin in der Oper, die das
hohe C erreicht hat, kaum erträumen.
Da
kann man sich nur wundem und freuen mit dem Jagsthäuser Fremdenverkehrsverein,
den begeisterten Laienspielern und den Burg-Schauspielern: Jagsthausen hat seinen Standard wieder.
Rhein-Neckar-Zeitung,
14. Juni 1984
Neckar-Express, 16. Juni
1984
Süddeutscher Rundfunk, 15. Juni 1984
Süddeutscher Rundfunk, 15. Juni 1984
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