Mittwoch, 19. Februar 2014

Burgfestspiele Jagsthausen 1984

Götz-Festpiele im 35. Spieljahr


Ein cholerischer Ritter
mit der eisernen Hand

Von Jürgen Dieter Ueckert

Der „Götz von Berlichingen - mit der eisernen Hand“ im fünf­unddreißigsten Spieljahr: das Goethesche Sturm- und Drang-Schauspiel im Burghof von Jagsthausen ist wieder frei von jeglicher Ausdeutung und zeitkritischer Interpretation.

Ellen Schwiers, selbst einst eine gefeierte Adelheid in den Jagsthäuser Sommertheater-Mauern, lässt als Regisseurin „vom Blatt" spielen. Das heißt: natürlich nicht den Goethe-Text in gesamter Länge, son­dern eine Strichfassung, die das Drama auf knapp zweiein­halb Stunden kürzt. Und das heißt wiederum: es wird eine Bearbeitung gespielt, die in ähnlicher Ausformung in den sechziger Jahren durchweg Er­folg hatte, sogenanntes Volks­theater war.

Die Schwiers'sche Zugnum­mer bei diesem Unterfangen ist der Götz-Darsteller Wolf­gang Reichmann. Mit ihm hat die Burg den Gewalttätigen, den Choleriker, das brüllende Ungetüm wieder. Man hört wieder in fast allen Gassen des Jagstdörf‘leins das schauerlich-­prickelnde Gebrüll des derben Ritters.

Widersprüche werden locker stehen gelassen: da jammert Götz auf- und abschreitend in seinem ersten Auftritt, dass er doch hundemüde sei, parliert aber wenig später munter und prachtvoll mit einem hyste­risch sein Los beklagenden Klosterbruder (Robert Remmler) und hält gleichzeitig ner­vös Ausschau nach seinem Bu­ben Georg. Götz, das vor Kraft nahezu berstende Original- Genie.

Wolfgang Reichmann ist ein grandioser Schauspieler - zweifelsohne. Er kann viele Zustände plastisch machen, das Innerste nach außen keh­ren. Mittel dazu stehen ihm in Hülle und Fülle zur Verfü­gung. Die Frage ist nur: wer hat sie geordnet? Reichmann vermag dazu auch noch blasse Mimen lässig an die Wand spielen.

Wenn Götz den Weislingen - steifbeinig von Robert Bossardt in einer Manier geboten, als solle er für Zahncreme Re­klame machen - als Gefange­nen , in seine Burg führen lässt, dann gibt er diesem Höfling mittels eines ordentlichen Temperamentsausbruchs eine kräftige Belehrung über den Zustand des Reichs. Es fehlten nur noch die Watschen - zur Beförderung des Denkvermö­gens bei Weisungen.

Aber als es mit der intellektuellen Re­dekunst beim Götz zu Ende geht, lässt Reichmann, um keine taktische Finesse verle­gen, den Götz zum schluchzen­den Jammerlappen werden, den Kopf gegen die Schulter des ehemaligen Schulkamera­den gelegt. Wenig später ist ihm die Person des Weislingen völlig wurscht, Hauptsache, der Kerl paktiert nicht mit dem Bamberger Bischof.

Ein Götz, den die Fürsten hassen und zu dem sich die Be­drängten wenden - das ist die­ser Wolfgang Reichmann bei­leibe nicht. Sein Götz ist den Fürsten nur lästig wie eine Laus im Pelz. Und die Unter­drückten begegnen ihm in der Schwiers-Inszenierung mit reichlich Vorbehalten, können sich ihm nur mühsam nähern. Adel zu Adel - Volk zu Volk.

Auf Gegensätze ist diese In­szenierung getrimmt: der Hof von Bamberg soll dekadent sein, wie sich Lieschen Müller halt die Dekadenz so gro­schenheftig vorsteht. Liebet­raut (Günter Hörner) gerät da zum beredten Beispiel: mit fe­mininen Gebärden, verkünstelter Sprechakrobatik und wedelnden Tüchern haucht er angebliches Raffinement in die Burghof-Mauern. Müßiggang ist aller Laster Anfang: Dazu muss man auch Schach spielen können und als Bischof mit hochhackigen Schuhen über den Burghof tippeln. Ganz so kraftlos war’s dann an den Höfen wohl doch nicht gewesen - sonst hätte ja diese politische Richtung kaum siegen können.

Die Männer um den Ritter Götz erscheinen heuer und auch sonst im Burghof als brave, sauber gekleidete Wichtelmänner, in Wams und Robin-Hood-Stiefeln. Dagegen sind die aufständischen Bauern gar schröcklich anzusehen: Schmutzig, mit schmerzver­zerrten Gesichtern brüllen sie Keulen schwingend vor sich hin. So sind sie halt, die Tölpel vom flachen Lande, wenn sie mal Politik machen.

Und der Kaiser? Der scheint so vertrottelt eigensinnig, dass man ständig in der Angst schwebt, er wolle gleich vor lauter Unlust abtreten - von der schmalen Burghof-Bühne.

Goethe und seine Krisen, die sich literarisch manifestierten, zum Beispiel in jenem Sturm- und-Drang-Drama. Das ist in Jagsthausen wieder zu einer netten Geschichte geronnen, unverbindlich locker choreografiert, mit einer anheimeln­den Muffigkeit, die schon fast erdrückend gemütvoll wirkt.

Die Schauspieler bleiben mit ihren Figuren in Bilderbuch-Klischees hängen. Mit den Ko­stümen rauscht man historisierend quer durch die Jahr­zehnte. Das ist dann so, als stelle man in 200 Jahren ein Drama über unsere Jetzt-Zeit her und lasse dann die Schau­spielerin allen Kleidungsstilen dieses und des nächsten Jahr­hunderts auftreten. Da lobe ich mir das Shakespeare-Theater: Man spielte halt in prachtvol­len Kleidern jener Tage, in de­nen die Aufführung gerade ange­setzt war.

So hat die zuckersüße Burg von Jagsthausen in ihrem Traditionsstück wieder all das, was Touristen so lang vermi­ssten: einen wütig in sich zer­rissenen Götz, der an den Zu­ständen der bösen Zeitläuften eingeht, ein Ku-Klux-Klan-Fe- megericht und natürlich auch den obligatorischen Sonder­beifall beim berühmt-berüchtigten Spruch. Mehr an Zu­stimmung könnte sich auch eine Sängerin in der Oper, die das hohe C erreicht hat, kaum erträumen.

Da kann man sich nur wun­dem und freuen mit dem Jagsthäuser Fremdenverkehrsve­rein, den begeisterten Laien­spielern und den Burg-Schauspielern:  Jagsthausen hat sei­nen Standard wieder.

Rhein-Neckar-Zeitung, 14. Juni 1984
Neckar-Express, 16. Juni 1984
Süddeutscher Rundfunk, 15. Juni 1984

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