Mittwoch, 19. Februar 2014

Burgfestspiele Jagsthausen 1997

Das Arschlecken hat
im Burghof Tradition

Von Jürgen Dieter Ueckert

„Leck mich ...“. Heißt es heute platt, was in deutschen Landen einst als „schwäbischer Gruß“ gehandelt wurde. In voller Literaturversion („Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken.“) wird der derbe Spruch alljährlich sommers bei den Burgfestspielen zu Jagsthausen geschmettert. Seit 48 Jahren in der Götzenburg unter langanhaltendem Beifall der rund tausend Zuschauer. Das hat Tradition.

Seit dem Tode ihres Mannes Götz im Jahre 1994 ist Alexandra Freifrau von Berlichingen „Erste Vorsitzende der Burgfestspiele Jagsthausen“. Schirmherr dieser dörflichen Adelsspiele ist kein geringerer als der Bundespräsident Roman Herzog selbst. Ein Freund der Familie schon aus seinen Zeiten als baden-württembergischer Kultus- und Innenminister. Und der Erste Vorsitzende der „Freunde der Burgfestspiele“ heißt Reinhold Würth, Vorzeigeunternehmer und Schraubenmilliardär aus dem hohenlohischen Künzelsau.

Trotz prominenter Beschirmung und Fürsprache, trotz einer zartgliedrigen, aber resoluten adligen Witwe, deren Tochter Diana mit einem Prinzen zu Fürstenberg verheiratet und Sohn Götz angehender Jurist ist, weht derzeit ein rauher Wind durch die Burgmauern. Erstmals in den knapp 50 Jahren erwartet die Festspielleitung am Ende der Spielzeit 1997 ein Minus in der Kasse.

Grund für „das schwierigste Jahr“ seit Bestehen der Götz-Festspiele: Baden-Württemberg spart bei der Kultur. Seit 1995 hat Jagsthausen 230.000 Mark weniger als erwartet aus Stuttgart erhalten. Im April erst verkündete die Kulturbürokratie, daß es für die laufende Spielzeit 1997 nochmals 6,56 Prozent weniger (25.400 Mark) aus dem Subventionstopf gibt.

Empörte Reaktion der Baronin Berlichingen bei der Eröffnung der Saison am Donnerstag: „Wir fühlen uns vom Land im Stich gelassen. Man läßt uns sprichwörtlich im Festspiel-Regen stehen.“ Und Regen ist für Freilufttheater die schlimmste Strafe des Himmels. Konkrete und unangenehme Folge für die Zuschauer: die Eintrittspreise werden 1998 erhöht.

Rund 80 Prozent des Haushalts (1997: 2,84 Millionen) erwirtschaften die Burgfestspiele Jagsthausen selbst. Die Subventionskürzungen des Landes konnten bisher durch verstärktes ehrenamtliches Engagement und strikte Sparpolitik aufgefangen werden. In diesem Jahr sei aber das Ende der Fahnenstange auf der Götz-Burg erreicht. Schließlich stehe hinter den Burgfestspielen keine reiche Stadt, sondern nur das Dorf Jagsthausen mit seinen 1.500 Einwohnern – Haushaltsvolumen sechs Millionen. Da gebe es schon gar nichts zu holen.

Im strukturschwachen Jagsttal hätten sich die Burgfestspiele in den Jahrzehnten nämlich zu einem Wirtschaftsfaktor - vergleichbar einem mittelständischen Unternehmen - entwickelt. Von den drei Millionen Mark Gesamtausgaben seien 1996 zwei Drittel im Tal geblieben. Rechnet Freifrau von Berlichingen mit spitzem Stift vor: im Einzelhandel, bei der Gastronomie und den Handwerkern.

„Wir haben unsere Schulaufgaben gemacht!“, schleudert die adlige Dame den Chaos-Politikern entgegen. Seit Beginn der Festspiele vor 48 Jahren wurden in 1.744 Vorstellungen insgesamt 1,645 Millionen Besucher gezählt. 33,5 Millionen Mark wurde eingenommen – 70 Prozent davon allein durch Eintrittsgelder, nur 15 Prozent kamen aus staatlichen Zuschüssen. Insgesamt flossen 71 Millionen Mark dank der Götz-Festspiele durch Jagsthausen.

Jetzt aber ist die Schmerzgrenze erreicht. Zumal die Zuschauer zur Verunsicherung erheblich beitragen. Die erfolgsverwöhnten Burgfestspiele haben nicht wie üblich zu Beginn der Saison bereits 90 Prozent ihrer Karten im Vorverkauf, sondern erstmals nur 67 Prozent abgesetzt. Alexandra von Berlichingen weiß sich so recht keinen Reim drauf zu machen. Die Leute zögern stark, hätten wahrscheinlich dank höherer Abgaben und Steuern weniger im Geldbeutel, versucht sie nachdenklich zu erklären.

Stolz war man im Ort auf den Spruch „Hier spielt ein ganzes Dorf Theater“. Viele Bürger treten als Komparsen im Götz neben den Berufschauspielern auf. Jetzt hoffen viele, daß das Land wenigstens nicht weiter den Rotstift ansetzt. Vielleicht springen ja „Die Freunde der Burgfestspiele“ unter Reinhold Würth kräftig in die Bresche – mit Sponsoren-Geldern aus Industrie und Handel. Haben sie doch seit ihrer Gründung im Jahre 1987 den Götz-Festpielen mit insgesamt 580.000 Mark kräftig unter die Armen gegriffen.

Ein Retter in der Not könnte der Freund und Bundespräsident sein. Wenn Roman Herzog am 18. Juli samt Gattin Christiane zur Benefizveranstaltung nach Jagsthausen anreist, dann sollte die Prominenz aus echtem und Geld-Adel, Industrie und Handel zwischen Stuttgart und Würzburg mit von der Partie sein. Für 150 Mark pro Karte gibt’s einen prächtigen Empfang im weitläufigen Garten der Burg, samt Essen und Trinken und anschließender Götz-Vorstellung im Burghof. Bei tausend Gästen – mehr als eine milde Gabe für die Burgfestspiele.

Spielplan 1997
Gespielt werden in Jagsthausen im Burghof 1997 Goethes „Götz von Berlichingen“ (bis 17. August 1997), das Musical „Kiss me Kate“ (5. Juli bis 16. August 1997) und das Märchen „Rumpelstilzchen“ (18. Juni bis 10. August 1997). Kartenvorbestellungen unter Telefon 07943-912345 oder per Fax 07943-912440/50.

Rhein-Neckar-Zeitung
Pforzheimer Zeitung
Neckar Express

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