Das Arschlecken hat
im Burghof Tradition
Von Jürgen Dieter Ueckert
„Leck mich ...“.
Heißt es heute platt, was in deutschen Landen einst als „schwäbischer
Gruß“ gehandelt wurde. In voller Literaturversion („Vor Ihro Kaiserliche
Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er
kann mich im Arsch lecken.“) wird der derbe Spruch alljährlich sommers
bei den Burgfestspielen zu Jagsthausen geschmettert. Seit 48 Jahren in
der Götzenburg unter langanhaltendem Beifall der rund tausend Zuschauer.
Das hat Tradition.
Seit dem Tode ihres Mannes Götz
im Jahre 1994 ist Alexandra Freifrau von Berlichingen „Erste
Vorsitzende der Burgfestspiele Jagsthausen“. Schirmherr dieser
dörflichen Adelsspiele ist kein geringerer als der Bundespräsident Roman
Herzog selbst. Ein Freund der Familie schon aus seinen Zeiten als
baden-württembergischer Kultus- und Innenminister. Und der Erste
Vorsitzende der „Freunde der Burgfestspiele“ heißt Reinhold Würth,
Vorzeigeunternehmer und Schraubenmilliardär aus dem hohenlohischen
Künzelsau.
Trotz prominenter Beschirmung und
Fürsprache, trotz einer zartgliedrigen, aber resoluten adligen Witwe,
deren Tochter Diana mit einem Prinzen zu Fürstenberg verheiratet und
Sohn Götz angehender Jurist ist, weht derzeit ein rauher Wind durch die
Burgmauern. Erstmals in den knapp 50 Jahren erwartet die
Festspielleitung am Ende der Spielzeit 1997 ein Minus in der Kasse.
Grund für „das schwierigste Jahr“
seit Bestehen der Götz-Festspiele: Baden-Württemberg spart bei der
Kultur. Seit 1995 hat Jagsthausen 230.000 Mark weniger als erwartet aus
Stuttgart erhalten. Im April erst verkündete die Kulturbürokratie, daß
es für die laufende Spielzeit 1997 nochmals 6,56 Prozent weniger (25.400
Mark) aus dem Subventionstopf gibt.
Empörte Reaktion
der Baronin Berlichingen bei der Eröffnung der Saison am Donnerstag:
„Wir fühlen uns vom Land im Stich gelassen. Man läßt uns sprichwörtlich
im Festspiel-Regen stehen.“ Und Regen ist für Freilufttheater die
schlimmste Strafe des Himmels. Konkrete und unangenehme Folge für die
Zuschauer: die Eintrittspreise werden 1998 erhöht.
Rund 80 Prozent des Haushalts
(1997: 2,84 Millionen) erwirtschaften die Burgfestspiele Jagsthausen
selbst. Die Subventionskürzungen des Landes konnten bisher durch
verstärktes ehrenamtliches Engagement und strikte Sparpolitik
aufgefangen werden. In diesem Jahr sei aber das Ende der Fahnenstange
auf der Götz-Burg erreicht. Schließlich stehe hinter den Burgfestspielen
keine reiche Stadt, sondern nur das Dorf Jagsthausen mit seinen 1.500
Einwohnern – Haushaltsvolumen sechs Millionen. Da gebe es schon gar
nichts zu holen.
Im strukturschwachen Jagsttal
hätten sich die Burgfestspiele in den Jahrzehnten nämlich zu einem
Wirtschaftsfaktor - vergleichbar einem mittelständischen Unternehmen -
entwickelt. Von den drei Millionen Mark Gesamtausgaben seien 1996 zwei
Drittel im Tal geblieben. Rechnet Freifrau von Berlichingen mit spitzem
Stift vor: im Einzelhandel, bei der Gastronomie und den Handwerkern.
„Wir haben unsere Schulaufgaben gemacht!“,
schleudert die adlige Dame den Chaos-Politikern entgegen. Seit Beginn
der Festspiele vor 48 Jahren wurden in 1.744 Vorstellungen insgesamt
1,645 Millionen Besucher gezählt. 33,5 Millionen Mark wurde eingenommen –
70 Prozent davon allein durch Eintrittsgelder, nur 15 Prozent kamen aus
staatlichen Zuschüssen. Insgesamt flossen 71 Millionen Mark dank der
Götz-Festspiele durch Jagsthausen.
Jetzt aber ist die Schmerzgrenze erreicht.
Zumal die Zuschauer zur Verunsicherung erheblich beitragen. Die
erfolgsverwöhnten Burgfestspiele haben nicht wie üblich zu Beginn der
Saison bereits 90 Prozent ihrer Karten im Vorverkauf, sondern erstmals
nur 67 Prozent abgesetzt. Alexandra von Berlichingen weiß sich so recht
keinen Reim drauf zu machen. Die Leute zögern stark, hätten
wahrscheinlich dank höherer Abgaben und Steuern weniger im Geldbeutel,
versucht sie nachdenklich zu erklären.
Stolz war man im Ort
auf den Spruch „Hier spielt ein ganzes Dorf Theater“. Viele Bürger
treten als Komparsen im Götz neben den Berufschauspielern auf. Jetzt
hoffen viele, daß das Land wenigstens nicht weiter den Rotstift ansetzt.
Vielleicht springen ja „Die Freunde der Burgfestspiele“ unter Reinhold
Würth kräftig in die Bresche – mit Sponsoren-Geldern aus Industrie und
Handel. Haben sie doch seit ihrer Gründung im Jahre 1987 den
Götz-Festpielen mit insgesamt 580.000 Mark kräftig unter die Armen
gegriffen.
Ein Retter in der Not könnte der
Freund und Bundespräsident sein. Wenn Roman Herzog am 18. Juli samt
Gattin Christiane zur Benefizveranstaltung nach Jagsthausen anreist,
dann sollte die Prominenz aus echtem und Geld-Adel, Industrie und Handel
zwischen Stuttgart und Würzburg mit von der Partie sein. Für 150 Mark
pro Karte gibt’s einen prächtigen Empfang im weitläufigen Garten der
Burg, samt Essen und Trinken und anschließender Götz-Vorstellung im
Burghof. Bei tausend Gästen – mehr als eine milde Gabe für die
Burgfestspiele.
Spielplan 1997
Gespielt
werden in Jagsthausen im Burghof 1997 Goethes „Götz von Berlichingen“
(bis 17. August 1997), das Musical „Kiss me Kate“ (5. Juli bis 16. August 1997) und
das Märchen „Rumpelstilzchen“ (18. Juni bis 10. August 1997).
Kartenvorbestellungen unter Telefon 07943-912345 oder per Fax
07943-912440/50.
Rhein-Neckar-Zeitung
Pforzheimer Zeitung
Neckar Express
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