Zum Auftakt - das Traditionsstück "Götz von Berlichingen"
Als wär's ein Stück aus unseren Tagen
Von Jürgen Dieter Ueckert
Wenn der Götz im Burghof von Jagsthausen
brüllt „Er aber sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken ...“, dann
rauscht nach einem „Oh“ aus tausend Zuschauerkehlen stürmischer Beifall
durch die Zuschauerreihen. Das gehört zur Tradition jetzt schon im
fünfzigsten Jahr. Ebenso wie die alljährlich frisch einstudierte
Inszenierung des Sturm-und-Drang-Dramas aus der Feder des Jung-Genies
Johann Wolfgang von Goethe, aufgeführt im Burghof der Familie von
Berlichingen.
Landesvater Erwin Teufel war extra
aus Stuttgart ins liebliche Jagsttal angereist, um das
50-Jahre-Jubiläum der Burgfestspiele feierlich zu eröffnen. Der
Schirmherr der Spiele, Bundespräsident Roman Herzog, seit Jahren ein
persönlicher Freund des Hauses Berlichingen, ließ sich wegen des
zeitgleichen „Großen Zapfenstreichs“ entschuldigen. Er wird mit Frau
Christiane erst zur zweiten Premiere, der Johann-Strauß-Operette „Die
Fledermaus“, im Burghof sein. Aber seine Reverenz hat der scheidende
Präsident den Burgfestspielen schon in einem Aufsatz für das
Jubiläums-Buch erwiesen: „ Goethes Götz von Berlichingen zwischen
Ritterrecht und Staatsräson“. Jeder auf seine Art.
„Kunst ist nicht das Brot,
sondern der Wein des Lebens“, philosophierte dagegen recht schlicht der
Ministerpräsident und verkündete des geladenen Premierengästen, daß er
sich auf die Götz-Inszenierung freue, die er ja „schon vom letzten Jahr
her“ kenne. Raunen im Publikum, denn man war ja ausdrücklich zu einer
Neuinszenierung des Götz durch den Münchner Jungregisseur Torsten
Bischof geladen. Und als Teufel auch noch lobende Worte über die „Stadt
Jagsthausen“ verlor, war das Räuspern lautstark. Das „Dorf und Schloß an
der Jaxt“, wie im Goethe-Götz heißt, ist stolz auf seine
touristenträchtige dörfliche Idylle. „Stadt“ - das wäre ja gegen
jegliche Tradition.
Die Prinzipalin der Burgfestspiele,
Alexandra Freifrau von Berlichingen, hatte die Teufel-Worte schon
zurechtgerückt, als sie ankündigte, „gelegentlich mit Traditionen zu
brechen, um mit dem Götz auch künftig alljährlich erfolgreich beim
Zuschauer zu sein.“ Ihr Hofregisseur Torsten Bischof wollte deshalb auch
die „Urwucht der Goethe-Sprache“ in seiner Neuinszenierung
rüberbringen, „nicht die handelsüblichen Vereinfachungen oder das
Auskochen der dramaturgischen Knochen des Sturm-und-Drang-Stückes“.
Diesmal hieß Tradition, weg vom Klassikerdrama, hin zu den Ursprüngen
des Sturm und Drang.
Das Stück eines „deutschen Helden“
in seinem persönlichen Scheitern an der Zeit ist also in diesem Jahr
nicht in Jagsthausen zu sehen. Die Regie jagt stürmisch und drängend
einen Bilderbogen durch die altehrwürdigen Mauern, daß den
Premierengästen ganz schwindelig wurde. Das berühmt-berüchtigte
Götz-Zitat erhielt auch deshalb nicht den üblichen Szenenapplaus, weil
es ganz normal in den Ablauf eingebettet war und nicht lautstark aus
irgendeinem Erkerfenster gebrüllt wurde. Götz-Darsteller ‘99 Jochen
Striebeck zeigte als Zugabe noch mit der eisernen Hand den Stinkefinger.
Das in nur sechs Wochen
1771 vom jungen Goethe in vermeintlicher „Schäckspear“-Nachahmung
hingeworfene Stück kommt mit seinen knappen Szenen den Sehgewohnheiten
eine Fernsehpublikums entgegen. Vor allem, wenn ein Regisseur die Chance
ergreift und seinen Goethe beim Wort nimmt. Torsten Bischof tat es,
inszenierte geistreich, dynamisch und witzig bis hin zum Overgag. Und
auf einmal wird dieses schwer spielbare Stück leicht verständlich und
als Geschichte erfaßbar. Keine intellektuellen Überfrachtungen und
Interpretationen, sondern die Story ernst nehmen und umsetzen und
schon wehte ein Hauch von Commedia durch den Burghof, der Goethes
Sprache plastisch machte.
Der kaisertreue teutsche Ritter
mit der eisernen Hand, der nur von „Gott, seinem Kaiser und sich
selbst“ abhängig sein will, wird beim Übergang vom mittelalterlichen
Stände- zum modernen Rechts- und Verwaltungsstaat zum Rebellen. Jochen
Striebeck, der als Burgfestspiele-Intendant auch gleich noch die
Titelrolle spielt, interpretiert seinen Götz als einen Menschen, der
gewillt ist, „alles zu sein und alles zu wollen“. Wie so mancher
Mafiosi. Da greift einer nach den Sternen, verliert alles, und stirbt im
Gefängnis mit den Worten „Freiheit, Freiheit“ auf den Lippen.
Zwischendurch ist er liebevoll und treusorgend gegen die Seinen,
rauhbeinig und brutal gegenüber seinen Feinden, mehr auf seinen Vorteil
bedacht als um Ideale kämpfend.
Wer Sommertheater für alle Sinne
sehen will, sollte sich diese ursprüngliche Interpretation des
Goetheschen Jugendwerks nicht entgehen lassen. Es wird alles in Hülle
und Fülle geboten: das ländliche Ritterleben, der intrigante Bamberger
Hof, feige Reichsstädter und grausiger Bauernkrieg. Liebevoll und
prägnant werden die Personen gezeichnet, ohne sie zu Helden zu
stilisieren und als Lumpen zu degradieren. Den Mächtigen wird mit Humor
die Larve vom Gesicht gerissen. Dabei ist am Goethe-Text sprachlich so
hart geschliffen worden, daß die Sprache verständlich und leicht wie
selten zuvor im Burghof zu vernehmen ist. Als wär’s ein Stück aus
unseren Tagen.
INFO: Auf dem Spielplan der
Burgfestspiele stehen bis zum 22. August 1999:
Johann Wolfgang von Goethe
„Götz von Berlichingen“,
Johann Strauß „Die Fledermaus“,
Carlo Goldoni
„Der Diener zweier Herren“ und
das Kinderstück „Pippi
Langstrumpf“.
Kartentelefon 07943/912345Fax 07943/912440 oder
912450.
E-Mail: burgfestspiele.jagsthausen@t-online.de
Internet: http://www.jagsthausen.de/
Pforzheimer Zeitung, Juni 1999
echo am Sonntag, Juni 1999
Mittwoch, 19. Februar 2014
Burgfestspiele Jagsthausen 1997
Das Arschlecken hat
im Burghof Tradition
Von Jürgen Dieter Ueckert
„Leck mich ...“. Heißt es heute platt, was in deutschen Landen einst als „schwäbischer Gruß“ gehandelt wurde. In voller Literaturversion („Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken.“) wird der derbe Spruch alljährlich sommers bei den Burgfestspielen zu Jagsthausen geschmettert. Seit 48 Jahren in der Götzenburg unter langanhaltendem Beifall der rund tausend Zuschauer. Das hat Tradition.
Seit dem Tode ihres Mannes Götz im Jahre 1994 ist Alexandra Freifrau von Berlichingen „Erste Vorsitzende der Burgfestspiele Jagsthausen“. Schirmherr dieser dörflichen Adelsspiele ist kein geringerer als der Bundespräsident Roman Herzog selbst. Ein Freund der Familie schon aus seinen Zeiten als baden-württembergischer Kultus- und Innenminister. Und der Erste Vorsitzende der „Freunde der Burgfestspiele“ heißt Reinhold Würth, Vorzeigeunternehmer und Schraubenmilliardär aus dem hohenlohischen Künzelsau.
Trotz prominenter Beschirmung und Fürsprache, trotz einer zartgliedrigen, aber resoluten adligen Witwe, deren Tochter Diana mit einem Prinzen zu Fürstenberg verheiratet und Sohn Götz angehender Jurist ist, weht derzeit ein rauher Wind durch die Burgmauern. Erstmals in den knapp 50 Jahren erwartet die Festspielleitung am Ende der Spielzeit 1997 ein Minus in der Kasse.
Grund für „das schwierigste Jahr“ seit Bestehen der Götz-Festspiele: Baden-Württemberg spart bei der Kultur. Seit 1995 hat Jagsthausen 230.000 Mark weniger als erwartet aus Stuttgart erhalten. Im April erst verkündete die Kulturbürokratie, daß es für die laufende Spielzeit 1997 nochmals 6,56 Prozent weniger (25.400 Mark) aus dem Subventionstopf gibt.
Empörte Reaktion der Baronin Berlichingen bei der Eröffnung der Saison am Donnerstag: „Wir fühlen uns vom Land im Stich gelassen. Man läßt uns sprichwörtlich im Festspiel-Regen stehen.“ Und Regen ist für Freilufttheater die schlimmste Strafe des Himmels. Konkrete und unangenehme Folge für die Zuschauer: die Eintrittspreise werden 1998 erhöht.
Rund 80 Prozent des Haushalts (1997: 2,84 Millionen) erwirtschaften die Burgfestspiele Jagsthausen selbst. Die Subventionskürzungen des Landes konnten bisher durch verstärktes ehrenamtliches Engagement und strikte Sparpolitik aufgefangen werden. In diesem Jahr sei aber das Ende der Fahnenstange auf der Götz-Burg erreicht. Schließlich stehe hinter den Burgfestspielen keine reiche Stadt, sondern nur das Dorf Jagsthausen mit seinen 1.500 Einwohnern – Haushaltsvolumen sechs Millionen. Da gebe es schon gar nichts zu holen.
Im strukturschwachen Jagsttal hätten sich die Burgfestspiele in den Jahrzehnten nämlich zu einem Wirtschaftsfaktor - vergleichbar einem mittelständischen Unternehmen - entwickelt. Von den drei Millionen Mark Gesamtausgaben seien 1996 zwei Drittel im Tal geblieben. Rechnet Freifrau von Berlichingen mit spitzem Stift vor: im Einzelhandel, bei der Gastronomie und den Handwerkern.
„Wir haben unsere Schulaufgaben gemacht!“, schleudert die adlige Dame den Chaos-Politikern entgegen. Seit Beginn der Festspiele vor 48 Jahren wurden in 1.744 Vorstellungen insgesamt 1,645 Millionen Besucher gezählt. 33,5 Millionen Mark wurde eingenommen – 70 Prozent davon allein durch Eintrittsgelder, nur 15 Prozent kamen aus staatlichen Zuschüssen. Insgesamt flossen 71 Millionen Mark dank der Götz-Festspiele durch Jagsthausen.
Jetzt aber ist die Schmerzgrenze erreicht. Zumal die Zuschauer zur Verunsicherung erheblich beitragen. Die erfolgsverwöhnten Burgfestspiele haben nicht wie üblich zu Beginn der Saison bereits 90 Prozent ihrer Karten im Vorverkauf, sondern erstmals nur 67 Prozent abgesetzt. Alexandra von Berlichingen weiß sich so recht keinen Reim drauf zu machen. Die Leute zögern stark, hätten wahrscheinlich dank höherer Abgaben und Steuern weniger im Geldbeutel, versucht sie nachdenklich zu erklären.
Stolz war man im Ort auf den Spruch „Hier spielt ein ganzes Dorf Theater“. Viele Bürger treten als Komparsen im Götz neben den Berufschauspielern auf. Jetzt hoffen viele, daß das Land wenigstens nicht weiter den Rotstift ansetzt. Vielleicht springen ja „Die Freunde der Burgfestspiele“ unter Reinhold Würth kräftig in die Bresche – mit Sponsoren-Geldern aus Industrie und Handel. Haben sie doch seit ihrer Gründung im Jahre 1987 den Götz-Festpielen mit insgesamt 580.000 Mark kräftig unter die Armen gegriffen.
Ein Retter in der Not könnte der Freund und Bundespräsident sein. Wenn Roman Herzog am 18. Juli samt Gattin Christiane zur Benefizveranstaltung nach Jagsthausen anreist, dann sollte die Prominenz aus echtem und Geld-Adel, Industrie und Handel zwischen Stuttgart und Würzburg mit von der Partie sein. Für 150 Mark pro Karte gibt’s einen prächtigen Empfang im weitläufigen Garten der Burg, samt Essen und Trinken und anschließender Götz-Vorstellung im Burghof. Bei tausend Gästen – mehr als eine milde Gabe für die Burgfestspiele.
Spielplan 1997
Gespielt werden in Jagsthausen im Burghof 1997 Goethes „Götz von Berlichingen“ (bis 17. August 1997), das Musical „Kiss me Kate“ (5. Juli bis 16. August 1997) und das Märchen „Rumpelstilzchen“ (18. Juni bis 10. August 1997). Kartenvorbestellungen unter Telefon 07943-912345 oder per Fax 07943-912440/50.
Rhein-Neckar-Zeitung
Pforzheimer Zeitung
Neckar Express
im Burghof Tradition
Von Jürgen Dieter Ueckert
„Leck mich ...“. Heißt es heute platt, was in deutschen Landen einst als „schwäbischer Gruß“ gehandelt wurde. In voller Literaturversion („Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken.“) wird der derbe Spruch alljährlich sommers bei den Burgfestspielen zu Jagsthausen geschmettert. Seit 48 Jahren in der Götzenburg unter langanhaltendem Beifall der rund tausend Zuschauer. Das hat Tradition.
Seit dem Tode ihres Mannes Götz im Jahre 1994 ist Alexandra Freifrau von Berlichingen „Erste Vorsitzende der Burgfestspiele Jagsthausen“. Schirmherr dieser dörflichen Adelsspiele ist kein geringerer als der Bundespräsident Roman Herzog selbst. Ein Freund der Familie schon aus seinen Zeiten als baden-württembergischer Kultus- und Innenminister. Und der Erste Vorsitzende der „Freunde der Burgfestspiele“ heißt Reinhold Würth, Vorzeigeunternehmer und Schraubenmilliardär aus dem hohenlohischen Künzelsau.
Trotz prominenter Beschirmung und Fürsprache, trotz einer zartgliedrigen, aber resoluten adligen Witwe, deren Tochter Diana mit einem Prinzen zu Fürstenberg verheiratet und Sohn Götz angehender Jurist ist, weht derzeit ein rauher Wind durch die Burgmauern. Erstmals in den knapp 50 Jahren erwartet die Festspielleitung am Ende der Spielzeit 1997 ein Minus in der Kasse.
Grund für „das schwierigste Jahr“ seit Bestehen der Götz-Festspiele: Baden-Württemberg spart bei der Kultur. Seit 1995 hat Jagsthausen 230.000 Mark weniger als erwartet aus Stuttgart erhalten. Im April erst verkündete die Kulturbürokratie, daß es für die laufende Spielzeit 1997 nochmals 6,56 Prozent weniger (25.400 Mark) aus dem Subventionstopf gibt.
Empörte Reaktion der Baronin Berlichingen bei der Eröffnung der Saison am Donnerstag: „Wir fühlen uns vom Land im Stich gelassen. Man läßt uns sprichwörtlich im Festspiel-Regen stehen.“ Und Regen ist für Freilufttheater die schlimmste Strafe des Himmels. Konkrete und unangenehme Folge für die Zuschauer: die Eintrittspreise werden 1998 erhöht.
Rund 80 Prozent des Haushalts (1997: 2,84 Millionen) erwirtschaften die Burgfestspiele Jagsthausen selbst. Die Subventionskürzungen des Landes konnten bisher durch verstärktes ehrenamtliches Engagement und strikte Sparpolitik aufgefangen werden. In diesem Jahr sei aber das Ende der Fahnenstange auf der Götz-Burg erreicht. Schließlich stehe hinter den Burgfestspielen keine reiche Stadt, sondern nur das Dorf Jagsthausen mit seinen 1.500 Einwohnern – Haushaltsvolumen sechs Millionen. Da gebe es schon gar nichts zu holen.
Im strukturschwachen Jagsttal hätten sich die Burgfestspiele in den Jahrzehnten nämlich zu einem Wirtschaftsfaktor - vergleichbar einem mittelständischen Unternehmen - entwickelt. Von den drei Millionen Mark Gesamtausgaben seien 1996 zwei Drittel im Tal geblieben. Rechnet Freifrau von Berlichingen mit spitzem Stift vor: im Einzelhandel, bei der Gastronomie und den Handwerkern.
„Wir haben unsere Schulaufgaben gemacht!“, schleudert die adlige Dame den Chaos-Politikern entgegen. Seit Beginn der Festspiele vor 48 Jahren wurden in 1.744 Vorstellungen insgesamt 1,645 Millionen Besucher gezählt. 33,5 Millionen Mark wurde eingenommen – 70 Prozent davon allein durch Eintrittsgelder, nur 15 Prozent kamen aus staatlichen Zuschüssen. Insgesamt flossen 71 Millionen Mark dank der Götz-Festspiele durch Jagsthausen.
Jetzt aber ist die Schmerzgrenze erreicht. Zumal die Zuschauer zur Verunsicherung erheblich beitragen. Die erfolgsverwöhnten Burgfestspiele haben nicht wie üblich zu Beginn der Saison bereits 90 Prozent ihrer Karten im Vorverkauf, sondern erstmals nur 67 Prozent abgesetzt. Alexandra von Berlichingen weiß sich so recht keinen Reim drauf zu machen. Die Leute zögern stark, hätten wahrscheinlich dank höherer Abgaben und Steuern weniger im Geldbeutel, versucht sie nachdenklich zu erklären.
Stolz war man im Ort auf den Spruch „Hier spielt ein ganzes Dorf Theater“. Viele Bürger treten als Komparsen im Götz neben den Berufschauspielern auf. Jetzt hoffen viele, daß das Land wenigstens nicht weiter den Rotstift ansetzt. Vielleicht springen ja „Die Freunde der Burgfestspiele“ unter Reinhold Würth kräftig in die Bresche – mit Sponsoren-Geldern aus Industrie und Handel. Haben sie doch seit ihrer Gründung im Jahre 1987 den Götz-Festpielen mit insgesamt 580.000 Mark kräftig unter die Armen gegriffen.
Ein Retter in der Not könnte der Freund und Bundespräsident sein. Wenn Roman Herzog am 18. Juli samt Gattin Christiane zur Benefizveranstaltung nach Jagsthausen anreist, dann sollte die Prominenz aus echtem und Geld-Adel, Industrie und Handel zwischen Stuttgart und Würzburg mit von der Partie sein. Für 150 Mark pro Karte gibt’s einen prächtigen Empfang im weitläufigen Garten der Burg, samt Essen und Trinken und anschließender Götz-Vorstellung im Burghof. Bei tausend Gästen – mehr als eine milde Gabe für die Burgfestspiele.
Spielplan 1997
Gespielt werden in Jagsthausen im Burghof 1997 Goethes „Götz von Berlichingen“ (bis 17. August 1997), das Musical „Kiss me Kate“ (5. Juli bis 16. August 1997) und das Märchen „Rumpelstilzchen“ (18. Juni bis 10. August 1997). Kartenvorbestellungen unter Telefon 07943-912345 oder per Fax 07943-912440/50.
Rhein-Neckar-Zeitung
Pforzheimer Zeitung
Neckar Express
Burgfestspiele Jagsthausen 1991
Zwist und Zank beim Ritterdrama
Nasse Proben und Interpretation der Götzfigur drücken Stimmung im Jagsthäuser Burghof
Von Jürgen Dieter Ueckert
Goethes Götz-Drama in Jagsthausen dauert zwei Stunden und 28 Minuten. Bühne ist der Asphaltboden des Burghofs und das viktorianische Gemäuer drumherum. Die dürre Mitteilung des künstlerischen Festspielleiters Rüdiger Bahr vor der Premiere überdeckte nichts vom Knatsch in einer teilweise verregneten Probenzeit. „Einige wurden sehr nass“, so Festspielchef Götz Freiherr von Berlichingen hintergründig lächelnd. „Aber die Kostüme werden jetzt nicht mehr am kommenden Tag nass angezogen. Wir haben jetzt einen Trockenraum in der Burg.“
Die zornigen Flammen des Theaterskandals waren dank des vermittelnden Barons erstickt. Hans Peter Hallwachs, als Fabian- und Tatort-Mime film- und fernsehbekannt, gibt im 42. Spieljahr den Ritter mit der eisernen Faust. Seine Vorstellungen von Goethes Sturm-und-Drang-Spektakel kollidierten in der Probenzeit mit jenen des Regisseurs Rüdiger Bahr, einst selbst unter der Ur-Jagsthäuserin und Jubiläumsintendantin Ellen Schwiers als Raufbold Götz verpflichtet.
Der Götz ’91 soll, „ohne werkuntreu zu werden“, so Regisseur Bahr, „verletzlicher, aber auch verletzender sein“. Die Laienspieler aus Dorf und Umgebung, teilweise seit über vierzig Jahren dabei, protestierten schon im Vorfeld. Ihre Götz-Interpretation sollte schlüssiger und dramaturgisch klarer sein.
Aber Ex-Götz Bahr bestand auf seiner Interpretation. „Der Ritter fühlt sich nicht mehr wohl in dieser, seiner untergehenden Welt.“ – Goethes Götz also als Apokalyptischer Reiter? Rüdiger Bahr und Ehegattin Renate wollten partout aus den drei Goethe-Vorlagen einen Götz schneidern, „so wie wir ihn verstehen“.
Die Jagsthäuser Auftaktpremiere bot einen hysterischen Rumpelstilzchen-Ritter, dessen Darbietungen von Regenschauern befeuchtet, kostümprächtig, dramaturgisch schlicht und laut, vornehmlich aber zornig brüllend vom Publikum erstaunt wahrgenommen wurden. Zurückhaltend freundlicher Beifall beim vielzitierten Spruch, und magerer, von Pfiffen durchsetzter Applaus nach dem Theater-Tod des Hall- wachs-Ritters.
Später bei der Premierenfeier im Rittersaal der Götzenburg: der Reigen der Gäste, prominent angeführt von Deutschlands oberstem Richter Roman Herzog und dem Künzelsauer Schraubenmilliardär Reinhold Würth. Premierengeflüster und -getuschel, nicht nur hinter vorgehaltener Hand: Götz ’91 - Bauerntheater, Schreiorgien, wirre Handlung, man
habe schon bessere Götze im Burghof gesehen. Kein Applaus der Ehrengäste beim Auftritt von Regisseur und Schauspielern - untrügliches Zeichen für ein Stimmungstief.
Für die Spielzeit ’91 ist Jagsthausen trotz alldem gut gerüstet. Von den 60.000 möglichen Karten sind schon 50.000 im Vorverkauf abgesetzt worden. Das zweite Stück im Burghof, das Erfolgsmusical „My Fair Lady“, seit 35 Jahren ein Renner auf allen Bühnen, ist schon wahrhaft „überausverkauft“. Baron Berlichingen: „Wir haben für die Lady 110 Prozent Platzausnutzung. Und das trotz fünf Mark Zuschlag pro Eintrittskarte.“
In den fünfziger Jahren warb Jagsthausen mit dem Slogan „Ein ganzes Dorf spielt im Sommer Theater“. Heute kommen die Laienspieler aus der ganzen Region Franken: 60 beim Götz, rund 80 - „wegen des Gesangs“ - bei der Lady. „Ohne Laienspieler“, so Burgherr Götz von Berlichingen, „wären die Festspiele so preiswert nicht zu machen.“ Jagsthausen finanziert sich durch seinen Kartenverkauf zu 75 Prozent. Beim Staatstheater Stuttgart durch Kartenverkauf: elf Prozent.
Wegen der immensen Kosten für das Musical „My Fair Lady“ steht der Jagsthäuser Spielplan 1992 schon jetzt: Wiederholung der Lady („Damit sich die Investitionen lohnen“), das Traditionsstück Götz und eine Komödie, „die in den Burghof hineinpaßt“.
SONNTAG AKTUELL, Seite 6, Nr. 25., 23. Juni 1991
Burgfestspiele Jagsthausen 1984
Götz-Festpiele im 35. Spieljahr
Ein
cholerischer Ritter
mit
der eisernen Hand
Von Jürgen Dieter
Ueckert
Der
„Götz von Berlichingen - mit der eisernen Hand“ im fünfunddreißigsten
Spieljahr: das Goethesche Sturm- und Drang-Schauspiel im Burghof von
Jagsthausen ist wieder frei von jeglicher Ausdeutung und zeitkritischer
Interpretation.
Ellen
Schwiers, selbst einst eine gefeierte Adelheid in den Jagsthäuser
Sommertheater-Mauern, lässt als Regisseurin „vom Blatt" spielen. Das heißt:
natürlich nicht den Goethe-Text in gesamter Länge, sondern eine Strichfassung,
die das Drama auf knapp zweieinhalb Stunden kürzt. Und das heißt wiederum: es wird
eine Bearbeitung gespielt, die in ähnlicher Ausformung in den sechziger Jahren
durchweg Erfolg hatte, sogenanntes Volkstheater war.
Die
Schwiers'sche Zugnummer bei diesem Unterfangen ist der Götz-Darsteller Wolfgang
Reichmann. Mit ihm hat die Burg den Gewalttätigen, den Choleriker, das
brüllende Ungetüm wieder. Man hört wieder in fast allen Gassen des Jagstdörf‘leins
das schauerlich-prickelnde Gebrüll des derben Ritters.
Widersprüche
werden locker stehen gelassen: da jammert Götz auf- und abschreitend in seinem
ersten Auftritt, dass er doch hundemüde sei, parliert aber wenig später munter
und prachtvoll mit einem hysterisch sein Los beklagenden Klosterbruder (Robert
Remmler) und hält gleichzeitig nervös Ausschau nach seinem Buben Georg. Götz,
das vor Kraft nahezu berstende Original- Genie.
Wolfgang
Reichmann ist ein grandioser Schauspieler - zweifelsohne. Er kann viele
Zustände plastisch machen, das Innerste nach außen kehren. Mittel dazu stehen
ihm in Hülle und Fülle zur Verfügung. Die Frage ist nur: wer hat sie geordnet?
Reichmann vermag dazu auch noch blasse Mimen lässig an die Wand spielen.
Wenn
Götz den Weislingen - steifbeinig von Robert Bossardt in einer Manier geboten,
als solle er für Zahncreme Reklame machen - als Gefangenen , in seine Burg
führen lässt, dann gibt er diesem Höfling mittels eines ordentlichen
Temperamentsausbruchs eine kräftige Belehrung über den Zustand des Reichs. Es
fehlten nur noch die Watschen - zur Beförderung des Denkvermögens bei
Weisungen.
Aber
als es mit der intellektuellen Redekunst beim Götz zu Ende geht, lässt
Reichmann, um keine taktische Finesse verlegen, den Götz zum schluchzenden
Jammerlappen werden, den Kopf gegen die Schulter des ehemaligen Schulkameraden
gelegt. Wenig später ist ihm die Person des Weislingen völlig wurscht,
Hauptsache, der Kerl paktiert nicht mit dem Bamberger Bischof.
Ein
Götz, den die Fürsten hassen und zu dem sich die Bedrängten wenden - das ist
dieser Wolfgang Reichmann beileibe nicht. Sein Götz ist den Fürsten nur
lästig wie eine Laus im Pelz. Und die Unterdrückten begegnen ihm in der
Schwiers-Inszenierung mit reichlich Vorbehalten, können sich ihm nur mühsam
nähern. Adel zu Adel - Volk zu Volk.
Auf
Gegensätze ist diese Inszenierung getrimmt: der Hof von Bamberg soll dekadent
sein, wie sich Lieschen Müller halt die Dekadenz so groschenheftig vorsteht.
Liebetraut (Günter Hörner) gerät da zum beredten Beispiel: mit femininen
Gebärden, verkünstelter Sprechakrobatik und wedelnden Tüchern haucht er angebliches
Raffinement in die Burghof-Mauern. Müßiggang ist aller Laster Anfang: Dazu muss
man auch Schach spielen können und als Bischof mit hochhackigen Schuhen über den
Burghof tippeln. Ganz so kraftlos war’s dann an den Höfen wohl doch nicht
gewesen - sonst hätte ja diese politische Richtung kaum siegen können.
Die
Männer um den Ritter Götz erscheinen heuer und auch sonst im Burghof als brave,
sauber gekleidete Wichtelmänner, in Wams und Robin-Hood-Stiefeln. Dagegen sind
die aufständischen Bauern gar schröcklich anzusehen: Schmutzig, mit schmerzverzerrten
Gesichtern brüllen sie Keulen schwingend vor sich hin. So sind sie halt, die
Tölpel vom flachen Lande, wenn sie mal Politik machen.
Und
der Kaiser? Der scheint so vertrottelt eigensinnig, dass man ständig in der
Angst schwebt, er wolle gleich vor lauter Unlust abtreten - von der schmalen
Burghof-Bühne.
Goethe
und seine Krisen, die sich literarisch manifestierten, zum Beispiel in jenem
Sturm- und-Drang-Drama. Das ist in Jagsthausen wieder zu einer netten
Geschichte geronnen, unverbindlich locker choreografiert, mit einer anheimelnden
Muffigkeit, die schon fast erdrückend gemütvoll wirkt.
Die
Schauspieler bleiben mit ihren Figuren in Bilderbuch-Klischees hängen. Mit den
Kostümen rauscht man historisierend quer durch die Jahrzehnte. Das ist dann
so, als stelle man in 200 Jahren ein Drama über unsere Jetzt-Zeit her und lasse
dann die Schauspielerin allen Kleidungsstilen dieses und des nächsten Jahrhunderts
auftreten. Da lobe ich mir das Shakespeare-Theater: Man spielte halt in
prachtvollen Kleidern jener Tage, in denen die Aufführung gerade angesetzt
war.
So
hat die zuckersüße Burg von Jagsthausen in ihrem Traditionsstück wieder all
das, was Touristen so lang vermissten: einen wütig in sich zerrissenen Götz,
der an den Zuständen der bösen Zeitläuften eingeht, ein Ku-Klux-Klan-Fe-
megericht und natürlich auch den obligatorischen Sonderbeifall beim berühmt-berüchtigten
Spruch. Mehr an Zustimmung könnte sich auch eine Sängerin in der Oper, die das
hohe C erreicht hat, kaum erträumen.
Da
kann man sich nur wundem und freuen mit dem Jagsthäuser Fremdenverkehrsverein,
den begeisterten Laienspielern und den Burg-Schauspielern: Jagsthausen hat seinen Standard wieder.
Rhein-Neckar-Zeitung,
14. Juni 1984
Neckar-Express, 16. Juni
1984
Süddeutscher Rundfunk, 15. Juni 1984
Süddeutscher Rundfunk, 15. Juni 1984
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