Zum Auftakt - das Traditionsstück "Götz von Berlichingen"
Als wär's ein Stück aus unseren Tagen
Von Jürgen Dieter Ueckert
Wenn der Götz im Burghof von Jagsthausen
brüllt „Er aber sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken ...“, dann
rauscht nach einem „Oh“ aus tausend Zuschauerkehlen stürmischer Beifall
durch die Zuschauerreihen. Das gehört zur Tradition jetzt schon im
fünfzigsten Jahr. Ebenso wie die alljährlich frisch einstudierte
Inszenierung des Sturm-und-Drang-Dramas aus der Feder des Jung-Genies
Johann Wolfgang von Goethe, aufgeführt im Burghof der Familie von
Berlichingen.
Landesvater Erwin Teufel war extra
aus Stuttgart ins liebliche Jagsttal angereist, um das
50-Jahre-Jubiläum der Burgfestspiele feierlich zu eröffnen. Der
Schirmherr der Spiele, Bundespräsident Roman Herzog, seit Jahren ein
persönlicher Freund des Hauses Berlichingen, ließ sich wegen des
zeitgleichen „Großen Zapfenstreichs“ entschuldigen. Er wird mit Frau
Christiane erst zur zweiten Premiere, der Johann-Strauß-Operette „Die
Fledermaus“, im Burghof sein. Aber seine Reverenz hat der scheidende
Präsident den Burgfestspielen schon in einem Aufsatz für das
Jubiläums-Buch erwiesen: „ Goethes Götz von Berlichingen zwischen
Ritterrecht und Staatsräson“. Jeder auf seine Art.
„Kunst ist nicht das Brot,
sondern der Wein des Lebens“, philosophierte dagegen recht schlicht der
Ministerpräsident und verkündete des geladenen Premierengästen, daß er
sich auf die Götz-Inszenierung freue, die er ja „schon vom letzten Jahr
her“ kenne. Raunen im Publikum, denn man war ja ausdrücklich zu einer
Neuinszenierung des Götz durch den Münchner Jungregisseur Torsten
Bischof geladen. Und als Teufel auch noch lobende Worte über die „Stadt
Jagsthausen“ verlor, war das Räuspern lautstark. Das „Dorf und Schloß an
der Jaxt“, wie im Goethe-Götz heißt, ist stolz auf seine
touristenträchtige dörfliche Idylle. „Stadt“ - das wäre ja gegen
jegliche Tradition.
Die Prinzipalin der Burgfestspiele,
Alexandra Freifrau von Berlichingen, hatte die Teufel-Worte schon
zurechtgerückt, als sie ankündigte, „gelegentlich mit Traditionen zu
brechen, um mit dem Götz auch künftig alljährlich erfolgreich beim
Zuschauer zu sein.“ Ihr Hofregisseur Torsten Bischof wollte deshalb auch
die „Urwucht der Goethe-Sprache“ in seiner Neuinszenierung
rüberbringen, „nicht die handelsüblichen Vereinfachungen oder das
Auskochen der dramaturgischen Knochen des Sturm-und-Drang-Stückes“.
Diesmal hieß Tradition, weg vom Klassikerdrama, hin zu den Ursprüngen
des Sturm und Drang.
Das Stück eines „deutschen Helden“
in seinem persönlichen Scheitern an der Zeit ist also in diesem Jahr
nicht in Jagsthausen zu sehen. Die Regie jagt stürmisch und drängend
einen Bilderbogen durch die altehrwürdigen Mauern, daß den
Premierengästen ganz schwindelig wurde. Das berühmt-berüchtigte
Götz-Zitat erhielt auch deshalb nicht den üblichen Szenenapplaus, weil
es ganz normal in den Ablauf eingebettet war und nicht lautstark aus
irgendeinem Erkerfenster gebrüllt wurde. Götz-Darsteller ‘99 Jochen
Striebeck zeigte als Zugabe noch mit der eisernen Hand den Stinkefinger.
Das in nur sechs Wochen
1771 vom jungen Goethe in vermeintlicher „Schäckspear“-Nachahmung
hingeworfene Stück kommt mit seinen knappen Szenen den Sehgewohnheiten
eine Fernsehpublikums entgegen. Vor allem, wenn ein Regisseur die Chance
ergreift und seinen Goethe beim Wort nimmt. Torsten Bischof tat es,
inszenierte geistreich, dynamisch und witzig bis hin zum Overgag. Und
auf einmal wird dieses schwer spielbare Stück leicht verständlich und
als Geschichte erfaßbar. Keine intellektuellen Überfrachtungen und
Interpretationen, sondern die Story ernst nehmen und umsetzen und
schon wehte ein Hauch von Commedia durch den Burghof, der Goethes
Sprache plastisch machte.
Der kaisertreue teutsche Ritter
mit der eisernen Hand, der nur von „Gott, seinem Kaiser und sich
selbst“ abhängig sein will, wird beim Übergang vom mittelalterlichen
Stände- zum modernen Rechts- und Verwaltungsstaat zum Rebellen. Jochen
Striebeck, der als Burgfestspiele-Intendant auch gleich noch die
Titelrolle spielt, interpretiert seinen Götz als einen Menschen, der
gewillt ist, „alles zu sein und alles zu wollen“. Wie so mancher
Mafiosi. Da greift einer nach den Sternen, verliert alles, und stirbt im
Gefängnis mit den Worten „Freiheit, Freiheit“ auf den Lippen.
Zwischendurch ist er liebevoll und treusorgend gegen die Seinen,
rauhbeinig und brutal gegenüber seinen Feinden, mehr auf seinen Vorteil
bedacht als um Ideale kämpfend.
Wer Sommertheater für alle Sinne
sehen will, sollte sich diese ursprüngliche Interpretation des
Goetheschen Jugendwerks nicht entgehen lassen. Es wird alles in Hülle
und Fülle geboten: das ländliche Ritterleben, der intrigante Bamberger
Hof, feige Reichsstädter und grausiger Bauernkrieg. Liebevoll und
prägnant werden die Personen gezeichnet, ohne sie zu Helden zu
stilisieren und als Lumpen zu degradieren. Den Mächtigen wird mit Humor
die Larve vom Gesicht gerissen. Dabei ist am Goethe-Text sprachlich so
hart geschliffen worden, daß die Sprache verständlich und leicht wie
selten zuvor im Burghof zu vernehmen ist. Als wär’s ein Stück aus
unseren Tagen.
INFO: Auf dem Spielplan der
Burgfestspiele stehen bis zum 22. August 1999:
Johann Wolfgang von Goethe
„Götz von Berlichingen“,
Johann Strauß „Die Fledermaus“,
Carlo Goldoni
„Der Diener zweier Herren“ und
das Kinderstück „Pippi
Langstrumpf“.
Kartentelefon 07943/912345Fax 07943/912440 oder
912450.
E-Mail: burgfestspiele.jagsthausen@t-online.de
Internet: http://www.jagsthausen.de/
Pforzheimer Zeitung, Juni 1999
echo am Sonntag, Juni 1999
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