Mittwoch, 19. Februar 2014

Burgfestspiele Jagsthausen 1999

Zum Auftakt - das Traditionsstück "Götz von Berlichingen"

Als wär's ein Stück aus unseren Tagen

Von Jürgen Dieter Ueckert

Wenn der Götz im Burghof von Jagsthausen brüllt „Er aber sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken ...“, dann rauscht nach einem „Oh“ aus tausend Zuschauerkehlen stürmischer Beifall durch die Zuschauerreihen. Das gehört zur Tradition ­ jetzt schon im fünfzigsten Jahr. Ebenso wie die alljährlich frisch einstudierte Inszenierung des Sturm-und-Drang-Dramas aus der Feder des Jung-Genies Johann Wolfgang von Goethe, aufgeführt im Burghof der Familie von Berlichingen.

Landesvater Erwin Teufel war extra aus Stuttgart ins liebliche Jagsttal angereist, um das 50-Jahre-Jubiläum der Burgfestspiele feierlich zu eröffnen. Der Schirmherr der Spiele, Bundespräsident Roman Herzog, seit Jahren ein persönlicher Freund des Hauses Berlichingen, ließ sich wegen des zeitgleichen „Großen Zapfenstreichs“ entschuldigen. Er wird mit Frau Christiane erst zur zweiten Premiere, der Johann-Strauß-Operette „Die Fledermaus“, im Burghof sein. Aber seine Reverenz hat der scheidende Präsident den Burgfestspielen schon in einem Aufsatz für das Jubiläums-Buch erwiesen: „ Goethes Götz von Berlichingen zwischen Ritterrecht und Staatsräson“. Jeder auf seine Art.

„Kunst ist nicht das Brot, sondern der Wein des Lebens“, philosophierte dagegen recht schlicht der Ministerpräsident und verkündete des geladenen Premierengästen, daß er sich auf die Götz-Inszenierung freue, die er ja „schon vom letzten Jahr her“ kenne. Raunen im Publikum, denn man war ja ausdrücklich zu einer Neuinszenierung des Götz durch den Münchner Jungregisseur Torsten Bischof geladen. Und als Teufel auch noch lobende Worte über die „Stadt Jagsthausen“ verlor, war das Räuspern lautstark. Das „Dorf und Schloß an der Jaxt“, wie im Goethe-Götz heißt, ist stolz auf seine touristenträchtige dörfliche Idylle. „Stadt“ - das wäre ja gegen jegliche Tradition.

Die Prinzipalin der Burgfestspiele, Alexandra Freifrau von Berlichingen, hatte die Teufel-Worte schon zurechtgerückt, als sie ankündigte, „gelegentlich mit Traditionen zu brechen, um mit dem Götz auch künftig alljährlich erfolgreich beim Zuschauer zu sein.“ Ihr Hofregisseur Torsten Bischof wollte deshalb auch die „Urwucht der Goethe-Sprache“ in seiner Neuinszenierung rüberbringen, „nicht die handelsüblichen Vereinfachungen oder das Auskochen der dramaturgischen Knochen des Sturm-und-Drang-Stückes“. Diesmal hieß Tradition, weg vom Klassikerdrama, hin zu den Ursprüngen des Sturm und Drang.

Das Stück eines „deutschen Helden“ in seinem persönlichen Scheitern an der Zeit ist also in diesem Jahr nicht in Jagsthausen zu sehen. Die Regie jagt stürmisch und drängend einen Bilderbogen durch die altehrwürdigen Mauern, daß den Premierengästen ganz schwindelig wurde. Das berühmt-berüchtigte Götz-Zitat erhielt auch deshalb nicht den üblichen Szenenapplaus, weil es ganz normal in den Ablauf eingebettet war ­und nicht lautstark aus irgendeinem Erkerfenster gebrüllt wurde. Götz-Darsteller ‘99 Jochen Striebeck zeigte als Zugabe noch mit der eisernen Hand den Stinkefinger.

Das in nur sechs Wochen 1771 vom jungen Goethe in vermeintlicher „Schäckspear“-Nachahmung hingeworfene Stück kommt mit seinen knappen Szenen den Sehgewohnheiten eine Fernsehpublikums entgegen. Vor allem, wenn ein Regisseur die Chance ergreift und seinen Goethe beim Wort nimmt. Torsten Bischof tat es, inszenierte geistreich, dynamisch und witzig bis hin zum Overgag. Und auf einmal wird dieses schwer spielbare Stück leicht verständlich und als Geschichte erfaßbar. Keine intellektuellen Überfrachtungen und Interpretationen, sondern die Story ernst nehmen und umsetzen ­ und schon wehte ein Hauch von Commedia durch den Burghof, der Goethes Sprache plastisch machte.

Der kaisertreue teutsche Ritter mit der eisernen Hand, der nur von „Gott, seinem Kaiser und sich selbst“ abhängig sein will, wird beim Übergang vom mittelalterlichen Stände- zum modernen Rechts- und Verwaltungsstaat zum Rebellen. Jochen Striebeck, der als Burgfestspiele-Intendant auch gleich noch die Titelrolle spielt, interpretiert seinen Götz als einen Menschen, der gewillt ist, „alles zu sein und alles zu wollen“. Wie so mancher Mafiosi. Da greift einer nach den Sternen, verliert alles, und stirbt im Gefängnis mit den Worten „Freiheit, Freiheit“ auf den Lippen. Zwischendurch ist er liebevoll und treusorgend gegen die Seinen, rauhbeinig und brutal gegenüber seinen Feinden, mehr auf seinen Vorteil bedacht als um Ideale kämpfend.

Wer Sommertheater für alle Sinne sehen will, sollte sich diese ursprüngliche Interpretation des Goetheschen Jugendwerks nicht entgehen lassen. Es wird alles in Hülle und Fülle geboten: das ländliche Ritterleben, der intrigante Bamberger Hof, feige Reichsstädter und grausiger Bauernkrieg. Liebevoll und prägnant werden die Personen gezeichnet, ohne sie zu Helden zu stilisieren und als Lumpen zu degradieren. Den Mächtigen wird mit Humor die Larve vom Gesicht gerissen. Dabei ist am Goethe-Text sprachlich so hart geschliffen worden, daß die Sprache verständlich und leicht wie selten zuvor im Burghof zu vernehmen ist. Als wär’s ein Stück aus unseren Tagen.

INFO: Auf dem Spielplan der Burgfestspiele stehen bis zum 22. August 1999: 
Johann Wolfgang von Goethe „Götz von Berlichingen“, 
Johann Strauß „Die Fledermaus“, 
Carlo Goldoni „Der Diener zweier Herren“ und 
das Kinderstück „Pippi Langstrumpf“.
Kartentelefon 07943/912345Fax 07943/912440 oder 912450.
E-Mail: burgfestspiele.jagsthausen@t-online.de
Internet: http://www.jagsthausen.de/

Pforzheimer Zeitung, Juni 1999
echo am Sonntag, Juni 1999

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